Stadtspaziergang: Von Surbiton entlang der Themse nach Kingston

Immer am Wasser entlang: Ein Spaziergang von Surbiton über die Queen’s Promenade entlang der Themse nach Kingston upon Thames zeigt London von seiner schönsten Seite und bietet zudem spannende Einblicke in die Art Deco Architektur von Suburbia.

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Im Herbst 2024 war ich zum ersten Mal im Stadtteil Surbiton im Südwesten Londons unterwegs, um endlich einmal das legendäre Bahnhofsgebäude der Surbiton Station zu erkunden. Von Surbiton bin ich dann an der Themse entlang nach Kingston upon Thames gelaufen – und das gleich an drei Tagen hintereinander, weil der Weg bei schönstem Oktober-Wetter über die historische Queen’s Promenade einfach zu schön war! Surbiton gehört zum Royal Borough of Kingston upon Thames und ist seit 1965 Teil von Greater London. Der Ort grenzt südlich von Kingston direkt an die Themse an, hat aber bislang nur in Teilen ein attraktives Flussufer, und ist eng mit der Entwicklung der Eisenbahn verbunden. Wie überall in Suburbia wurde es erst durch den Bahnanschluss attraktiv, im Umfeld des Bahnhofs Wohnhäuser zu bauen, mit günstigen Apartments zu locken und das Gebiet zu urbanisieren.

Die schönste Seite von Suburbia: Der Art Deco Bahnhof von Surbiton von 1938 mit Uhrenturm und dem Haupteingang zur lichtdurchfluteten Bahnhofshalle. ©SCRITTI

Auf einem etwa vier Kilometer langen, bequemen Spaziergang durchs Zentrum von Surbiton und danach entlang der Themse über die Queen’s Promenade bis ins Zentrum von Kingston upon Thames kann man mit die schönsten Seiten von Suburbia in London erleben und gut nachvollziehen, warum dies immer noch eine sehr beliebte Wohngegend ist. Wer wollte nicht in einem stylishen Apartment aus den 1930er Jahren mit Blick auf die Themse und den dahinter liegenden endlos weiten Park von Hampton Court Palace wohnen?

Unser Spaziergang beginnt am denkmalgeschützten (Grade II listed) Bahnhof von Surbiton: Ein ikonisches Gebäude im Stil des Art Deco, das in zeitlosem Weiß Modernität ausstrahlt und täglich von Tausenden Pendlern auf dem Weg zu ihren Arbeitsplätzen in London genutzt wird. In Surbiton kann man fast London’s Suburbia in Reinform erleben. Als das Gebiet in den 1840er Jahren erstmals erschlossen wurde, hieß das heutige Surbiton noch Kingston-upon-Railway, weil hier an der Hauptstrecke der erste Bahnhof für Kingston entstanden war. Mit dem Bahnanschluss wurde der Ort zu einer typischen Vorstadt von London mit High Street, Geschäften und einer Mischung aus prächtigen Stadthäusern aus dem 19. Jahrhundert, Wohnanlagen im Stil des Art Deco und neueren Wohnblöcken aus der Nachkriegszeit, die sich mit den typischen Doppelhaushälften aus dem 20. Jahrhundert vermischen.

Die grandiose Surbiton Station im Art Deco Stil, südlicher Zugang auf der Rückseite. ©SCRITTI

Hinkommen

Der Bahnhof Surbiton und die Bahnstrecke nach Southampton werden von South Western Railway betrieben. Die Züge starten im Bahnhof London Waterloo und verkehren über Wimbledon nach Süden in Richtung Southampton. Surbiton liegt in Zone 6 am Rande des Londoner Verkehrssystems, so dass bis hier mit der Oyster Card gefahren werden kann. Die schnellsten Fahrten von London Waterloo dauern nur 17 Minuten bis 24 Minuten, und meist gibt es bis zu zehn Verbindungen in der Stunde. Auch der Bahnhof in Kingston Upon Thames, der Endpunkt der Tour, gehört zum Netzwerk von Southwestern und liegt an einer Nebenstrecke, die in New Malden zwei Stopps vor Surbiton von der Hauptstrecke abzweigt. Auch hier verkehren die Züge im Schnitt alle zehn Minuten von/bis London Waterloo. Fahrpläne und Fahrzeiten kann man unter anderem über Trainline einsehen. Sowohl Surbiton als auch Kingston liegen in der TfL Tarifzone 6, so dass bis hierher problemlos mit Oyster-Card bzw. Contactless gefahren werden kann. Weitere Infos zur Nutzung öffentlichen Verkehrsmittel in London finden sich in den London Reisetipps.

Surbiton: Schönste Agatha Christie Kulisse

Der Bahnhof im schönsten Art Deco Stil wurde von James Robb Scott für die Southern Railway aus Stahlbeton gebaut, weiß verputzt und 1938 eröffnet. Das Gebäude verfügt über eine geräumige, lichtdurchflutete Fahrkartenhalle und einen markanten Turm mit einer weithin sichtbaren Uhr. Das modernistische Bahnhofsgebäude kam auch schon zu Ehren in diversen Filmen. Im Oktober 2007 wurde es für die Dreharbeiten zu „Harry Potter und der Halbblutprinz“ genutzt, und es taucht auch in der ersten Folge der TV-Serie Agatha Christie’s Poirot „The Adventure of the Clapham Cook“ von 1989 auf. Natürlich handelt es sich in vielerlei Hinsicht um eine ideale Poirot-Kulisse!

Nicht nur für Architekturliebhaber empfiehlt es sich, sowohl die Vorder- als auch die Rückseite des Bahnhofes ausgiebig zu würdigen und auch auf die vielen original erhaltenen Details zum Beispiel auf dem Bahnsteig oder in der Eingangshalle zu achten.

Glenbuck Court direkt gegenüber des Bahnhofes Surbiton wurde zeitgleich 1938 mit der neuen Station eröffnet und bot den Pendler*innen moderne und attraktive Wohnungen. ©SCRITTI

Gegenüber des rückwärtigen Zugangs befindet sich zudem mit Glenbuck Court von Ronald Ward & Partners eine für die Zeit typische Wohnanlage mit Apartments ebenfalls im Stil der Moderne von 1938.

Doch auch im weiteren Umfeld des Bahnhofs gibt es einige interessante Ecken zu entdecken. Herausragend ist vor allem das ehemalige Kino Roxy beziehungsweise Ritz Cinema in Sichtweite des Bahnhofs mit seinen markanten zwei Türmen, heute als The Coronation Hall ein Pub der Kette J.D. Wetherspoon.

Gut sichtbar vom Bahnhof aus ist auch der viktorianische Clocktower von Surbiton, der 1902 zu Ehren der Krönung von König Edward VII errichtet wurde. Direkt daneben befindet sich das Clocktower Café mit syrischer Küche. Wenn man an diesem vorbei links die Straße The Crescent weiter läuft, kommt gleich auf der linken Seite die Wohnanlage Crescent Court von 1934. Sie ist eines der ersten Projekte des Berliner Architekten Peter Caspari, der 1933 aus Nazi-Deutschland nach London emigrierte und hier vor allem durch seine Apartment-Häuser in modernem Stil zu schnellem Ruhm kam. Aber zurück zum Bahnhof und zur Victoria Road vor dem Bahnhof.

Man muss in Surbiton nicht weit laufen, um auf weitere spannende Gebäude aus den 1930er Jahren zu stoßen. Wir folgen zunächst vom Bahnhof aus nach links der zentralen Victoria Road, um noch etwas mehr von Surbiton zu sehen. Auch hier sorgen Gebäude aus unterschiedlichen Epochen für Charme, und es finden sich auch einige Pubs und Cafés wie das Surbeanton oder die Weinbar mit Café ExCellar nebenan an der Straßenecke zur Brighton Road mit Sitzplätzen im Freien in der Nachmittagssonne.

Im Zentrum von Surbiton finden sich wie auch in der Brighton Road zahlreiche kleine Läden, Cafés und Restaurants. ©SCRITTI

Von hier aus führt die nach rechts abzweigende Brighton Road dann direkt zum Ufer der Themse. Leider sieht man zunächst von der Themse nichts, da sich parallel zum Fluß große, tieferliegende Wasserspeicher befinden und dahinter hohe Dämme entlang des Flussufers.

Seething Wells Wasserbecken aus viktorianischen Zeiten entlang der Themse. ©SCRITTI

Diese Filterbetten von Seething Wells in Surbiton wurden früher genutzt, um die Hauptstadt mit sauberem Wasser zu versorgen, bevor Thames Water das Gelände aus dem 19. Jahrhundert im Jahr 1992 stilllegte. Es ist jetzt in Privatbesitz von Cascina Limited und liegt seit Jahren brach. Anwohner*innen fordern daher, das Gelände als Naturschutzgebiet auszuweisen und vor allem das Themseufer von Surbiton aus wieder zugänglich zu machen.

Queen’s Promenade: Idylle entlang der Themse

Man muss daher nach rechts entlang der Portsmouth Road etwas in Richtung Norden laufen, bis man beim Pub Hart’s Boatyard schließlich wieder ans Ufer der Themse gelangen kann.

Hier finden sich ein Bootsanleger und eine kleine Marina. Im Pub-Restaurant von Hart’s Boatyard kann man bei schönem Wetter eine Pause einlegen, auf der Terrasse in der Sonne sitzen und wunderbare Aussichten auf die Themse und den riesigen Park von Hampton Court Palace am gegenüberliegenden Ufer genießen. Ich habe leider nichts gegessen, aber das Menu sieht vielversprechend aus, und es lohnt sich bestimmt auch, bei schönem Wetter hier am Wochenende einen Sunday Roast zu genießen.

Der Beginn der Queen’s Promenade entlang der Themse am südlichen Ende in Surbiton. ©SCRITTI

Ein paar Meter weiter am Thames Sailing Club und weiteren Bootshäusern vorbei beginnt nun der schönste Teil des Spaziergangs: Die Queen’s Promenade. Ein schöner breiter Spazierweg führt von hier aus nun direkt am Ufer der Themse entlang bis ins Zentrum von Kingston hinein.

Die Queen’s Promenade entlang der Themse ist vor allem am Wochenende ein beliebtes Ausflugsziel. ©SCRITTI

Hier herrscht wirklich grenzenlose Idylle mit dem vor sich hin dümpelnden Fluss, geparkten Booten, Vögeln und Schwänen und liebevoll gepflegten kleinen Gärten zur Straßenseite hin.

Die Promenade wurde zunächst zwischen Kingston Island (Raven’s Ait) am südlichen Ende und der römisch-katholischen St. Raphael’s Church angelegt einschließlich eines Musikpavillons und eines Brunnens, umgeben von Pampasgräsern und beeindruckenden Gärten und 1854 eröffnet. Im August 1856 kehrte Königin Victoria vom Claremont Estate in Esher zurück, als ihre Kutsche über die Portsmouth Road umgeleitet wurde. Dort wurde sie von Hunderten jubelnder Schulkinder begrüßt, und so wurde die Queen’s Promenade offiziell eröffnet. Die Promenade wurde schnell sehr beliebt und 1896 am nördlichen Ende bis zur High Street in Kingston verlängert.

Platz zum Verweilen bietet auch das Ginger Bees Café am südlichen Ende von Kingston direkt an der Themse. ©SCRITTI

Um die Jahrhundertwende versammelten sich riesige Menschenmengen auf der Promenade, um die Bootsregatten rund um Raven’s Ait zu verfolgen.

Auch in Kingston gibt es entlang der Themse viele Sitzmöglichkeiten sowie Restaurants, die zu einem Besuch einladen. ©SCRITTI

Leider war es nicht immer so idyllisch, wie sich die Queen’s Promenade heute wieder präsentiert. Im Laufe des 20. Jahrhunderts verfielen die Promenade und ihre schönen Gärten immer mehr, und viele der ursprünglichen Gestaltungselemente gingen verloren. Sie blieb jedoch ein beliebter Ort, um am Fluss zu sitzen oder zu flanieren. Dank der Initiative von Anwohner*innen, den Queen’s Promenade Friends, wurde seit 2019 der Surbiton-Abschnitt weitgehend saniert, um das Gelände fußgänger- und fahrradfreundlicher zu machen. So entstand wohl einer der schönsten Spazierwege entlang der Themse am Stadtrand von London.

Natürlich kann man auch hier Sightseeing Touren per Schiff unternehmen. Unter anderem bietet das Traditionsunternehmen Turks an bestimmten Tagen öffentliche Fahrten zu unterschiedlichen Zielen oder private Touren an. Von März bis Oktober gibt es nach Angaben des Unternehmens täglich bis zu 45 Bootsfahrten entlang des landschaftlich reizvollsten Abschnitts der Themse, bei denen die Geschichte und Schönheit von Richmond, Kingston upon Thames und Hampton Court Palace im Mittelpunkt stehen. Zur Bootsflotte gehört auch ein stilvoller Raddampfer.

Schiffsfahrten über die Themse empfehle ich grundsätzlich gern, unter anderem mit Thames River Boats zum Beispiel von Kew Gardens, Richmond oder Hampton Court flußabwärts bis nach Westminster in der Innenstadt, hier der entsprechende Beitrag.

Kingston upon Thames: Kleine Großstadt mit Uferpromenade

Der historische Bentalls Department Store von 1867 im Zentrum von Kingston ist heute Teil der dahinter liegenden modernen Shopping Mall. ©SCRITTI

Unser Spaziergang endet im Zentrum von Kingston upon Thames, wo es im Bereich der Kingston Bridge nahtlos in die Innenstadt mit Fußgängerzone und vielen Einkaufsmöglichkeiten geht. Über das charmante Kingston upon Thames, das auf eine jahrhundertealte Tradition zurückblicken kann, lässt sich ein eigenes Kapitel schreiben. Mit über 168.000 Bewohner*innen im gesamten Bezirk ist es im Grunde eine Großstadt für sich. Über die historische Kingston Bridge gelangt man noch heute direkt auf das riesige Parkgelände von Park von Hampton Court Palace am gegenüberliegenden Ufer der Themse. Mit dem Bauprojekt Charter Quay südlich der Kingston Bridge wurde Anfang der 2000er Jahre die Uferpromenade fertiggestellt, und es entstanden dort Bars, Restaurants und das Rose Theatre, das 2008 eröffnet wurde.

Um zum Bahnhof zu gelangen, muss man ein paar Minuten quer durch die Fußgängerzone laufen, wo einen schnell das Shopping-Fieber packen kann. Hier ist alles sehr kompakt über ein paar Häuserzeilen und Gassen verteilt, und man findet fast alle der gängigen Ketten sowie individuelle Läden und Lokale.

In Kingston upon Thames bieten verschiedene Lokalitäten die Möglichkeit, direkt am Ufer der Themse zu sitzen und entspannt die Nachmittagssonne zu genießen. ©Ursula Heckmann

Man kann den ganzen Spaziergang natürlich auch in entgegengesetzter Richtung angehen, vom Bahnhof in Kingston Upon Thames aus starten und dann am Bahnhof in Surbiton enden. Eine Kombination mit einem Besuch von Hampton Court Palace bietet sich natürlich auch an.

Übernachten

Wenn man mehr Zeit in der Gegend verbringen möchte, um zum Beispiel Hampton Court Palace oder das idyllische Richmond zu besuchen, bietet sich am ehesten Kingston upon Thames zum Übernachten an. Hier gibt es neben einem Double Tree by Hilton Hotel und zwei Häusern der Kette Travelodge auch das Premier Inn Kingston upon Thames Hotel in den oberen Etagen über einem Parkhaus mitten in der Innenstadt. Ich habe hier schon übernachtet und fand es in Ordnung, da alles in Kingston fußläufig in kurzer Zeit erreichbar ist und die Preise in diesem Hotel meist moderat sind. Da es sich in den oberen Etagen befindet, hat man schöne Ausblicke in die Umgebung. Meine persönlichen Empfehlungen für Premier Inn Hotels in London gibt es hier im Beitrag.

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Autor: scritti

Freier Journalist, Author und Fotograf, Heilbronn / Berlin / London Experte für Mobilität und Klima, Bahn, Bus, Reisen, Architektur

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