Innotrans 2024: Erstes Fahrzeug für neue Stadtbahn-Generation präsentiert

Bei der Messe Innotrans in Berlin stellte Stadler die erste von 246 Zwei-System-Stadtbahnen für das Projekt Tram-Train verschiedener Betreiber vor.

Auf der weltgrößten Bahnmesse Innotrans in Berlin hat der Fahrzeughersteller Stadler Rail in der letzten September-Woche 2024 auf dem Freigelände hinter den Messehallen zahlreiche neue Bahnen vorgestellt. Darunter war auch das erste fertig gebaute Fahrzeug aus dem Projekt „Tram-Train“. Die moderne Zweisystem-Stadtbahn vom Typ Citylink für den Einsatz auf Straßenbahn- und Eisenbahngleisen in blau-weißem Design geht an die Saarbahn in Saarbrücken. Weitere Fahrzeuge unter anderem für die Stadtbahn-Systeme in Karlsruhe und Heilbronn werden folgen. Sechs Verkehrsunternehmen aus Deutschland und Österreich hatten sich erstmals zusammengetan, um einen Großauftrag für eine neue Generation von Stadtbahn-Fahrzeugen zu lancieren und somit Synergieeffekte und Kostenvorteile zu nutzen. Die Grundidee ist ein einheitlicher Fahrzeugtyp, der modular an die jeweiligen regionalen Bedürfnisse angepasst werden kann. 

Erste Stadtbahn vom Typ Stadler Citylink für die Saarbahn auf dem Freigelände der Messe Innotrans Ende September 2024. ©SCRITTI

Zu den Kooperationspartnern gehören Verkehrs­betriebe Karlsruhe GmbH (VBK, Karlsruher Straßenbahn), Albtal-Verkehrs-Gesellschaft mbH (AVG, Regionalstadtbahn Karlsruhe und Heilbronn), Saarbahn Netz GmbH (Regionalstadtbahn Saarbrücken), Schiene Oberösterreich GmbH (Regionalstadtbahn Linz), Schiene Salzburg GmbH (Regionalstadtbahn Salzburg) und Zweckverband Regional-Stadtbahn Neckar-Alb. Stadler ging mit seinem Tram-Konzept Citylink als Sieger aus der entsprechenden Ausschreibung hervor und erhielt vor zwei Jahren den bislang grössten Auftrag in der Geschichte des Unternehmens. Hauptbestandteil ist die Lieferung von bis zu 504 Niederflurfahrzeugen vom Typ Stadler Citylink, 246 davon sind bereits fix bestellt. Der Rahmenvertrag umfasst neben der Fahrzeugherstellung auch einen auf bis zu 32 Jahre angelegten Instandhaltungsvertrag.

Die modular aufgebaute, barrierefreie Niederflur-Stadtbahn-Familie Citylink bildet die gemeinsame Fahrzeugplattform für die Tram-Trains, die für das Konsortium und die unterschiedlichen Netze gebaut werden. Das erlaubt laut Stadler, die Fahrzeuge weitgehend zu standardisieren und zugleich flexibel auf die Bedürfnisse und infrastrukturellen Gegebenheiten bei den sechs Verkehrsunternehmen einzugehen.

Neue Stadtbahn vom Typ Stadler Citylink für das betreiberübergreifende Tram-Train Projekt auf der Berliner Messe Innotrans. ©SCRITTI

Auf der InnoTrans 2024 wurde nun erstmals ein kompletter Zug ausgestellt. Das auf der Messe präsentierte Fahrzeug wird von der Saarbahn eingesetzt, die als erster Betreiber die neuen Fahrzeuge auf ihrem Netz rund um Saarbrücken voraussichtlich 2025 in Betrieb nehmen wird. Saarbrücken hat ähnlich wie Heilbronn in den 1990er Jahren  nach dem Vorbild des Karlsruher Modells die einst stillgelegte Straßenbahn wieder eingeführt und eine neu gebaute Innenstadtstrecke als Zweisystem-Stadtbahn mit Eisenbahnstrecken im Umland verknüpft. Die 1997 eröffnete Saarbahn war wie auch das Heilbronner und Karlsruher Modell ein sofortiger Erfolg. Sie verkehrt in der Innenstadt als Tram und wechselt dann auf Eisenbahnstrecken, um in die Region und bis zur französischen Grenze zu fahren. Das Netz wurde stetig weiter ausgebaut.

Jeder Betreiber im Projekt Tram-Train erhält an die regionalen Bedürfnisse angepasste Züge. ©SCRITTI

Ausgestattet ist der Citylink Tram-Train mit den neuesten Technologien in Bezug auf das Traktionssystem, die Signal- und Funksysteme sowie die Kommunikation und Fahrgastinformation. Alle Fahrzeuge werden in dreiteiliger Ausführung geliefert und unterscheiden sich je nach Kunde und Einsatzort in Anzahl der Türen, Einstiegs- und Kupplungshöhe und Lackierung. Auch die Innenausstattung erfolgt individuell nach den Vorgaben des jeweiligen Bestellers, während zum Beispiel die Klimaanlage für Fahrgast- und Fahrerraum oder das LED-Lichtsystem in jeder Bahn gleich sind. Ebenfalls ein Fixpunkt in allen Fahrzeugen ist der geräumige Mehrzweckbereich mit barrierefreien Abstellmöglichkeiten für Fahrräder oder Kinderwagen.

Der präsentierte Zug für die Saarbahn ist ein Zweirichtungsfahrzeug mit einer Länge von 37 Metern und einer Wagenbreite von 2,65 Metern. Es erreicht wie alle Bahnen des Projekts eine Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h. Im Innenraum stehen 133 Stehplätze und 100 Sitzplätze zur Verfügung, die jedoch allenfalls für kurze Strecken zu gebrauchen sind. Für die VBK in Karlsruhe werden auch Einrichtungsfahrzeuge für Betrieb unter Gleichstrom aus der Oberleitung als reine Straßenbahn Fahrzeuge gefertigt.

Zur Präsentation des ersten Tram-Trains gibt es auch eine gemeinsame Pressemitteilung der Projektpartner. Besonders interessant sind dort die Links unter anderem mit 360°-Animationen von außen und innen (auch mit 3D-Option). Dort kann man auch die unterschiedlichen Ausstattungsvarianten für die verschiedenen Betreiber sehen. Die künftigen Stadtbahnen für AVG und VBK haben laut dieser Animationen wesentlich bessere Sitze (Kopfstützen und dickere Konstruktion) als die Ausführung für die Saarbahn, wie sie neulich auf der Innotrans vorgestellt wurde (s. den Bericht con Michael Schwager).
Anders als bei der Saarbahn-Ausstattung werden die Stadtbahnen der AVG Toiletten haben.
negativ:
auch bei AVG und VBK keine Gepäckablagen.

Fehlender Komfort im Tram-Train

Ob das Fahrerlebnis in den künftigen Stadtbahnen für die Fahrgäste wirklich etwas Besonderes sein wird, muss sich noch erweisen. Die Sitzplätze im vorgestellten Zug für die Saarbahn sind zumindest mehr als spartanisch und gleichen den einfachen Polstersitzen, wie man sie auch in der jüngsten Generation der Karlsruher Stadtbahnen vorfindet. Eine solch primitive Bestuhlung ohne Kopfstützen oder Armlehnen mag vielleicht in einer Straßenbahn auf innerstädtischen Kurzstrecken akzeptabel sein. Überland-Stadtbahnen, die zum Beispiel wie die S 4 von Karlsruhe über Heilbronn bis nach Öhringen mehrere Stunden unterwegs sind, kann man solch eine Ausstattung nur als Folter für die Fahrgäste bezeichnen. Plastikschalensitze aus den 1970er Jahren wären wahrscheinlich noch bequemer gewesen. Hinzu kommt auch wie in den heutigen AVG-Stadtbahnen schon der fehlende Platz für Reisegepäck.

Es geht auch anders: Stadler zeigt auf der Innotrans mit einem Zug für die Centovallibahn, wie hoher Fahrgastkomfort auch in Schmalspurbahnen möglich ist. ©SCRITTI

Auch wenn Stadtbahnen wegen ihres Einsatzes als Tram in der Innenstadt über ein schmaleres Fahrzeugprofil verfügen als klassische Eisenbahnen, ist es dennoch möglich, auch in solchen Fahrzeugen bequeme Sitze zu verbauen und ein angenehmes Raumgefühl zu schaffen. Selbst die Sitze aus dem Omnibusbau, die man in den ersten Generationen der Karlsruher Stadtbahnen vorfand, waren bequemer als das, was den Fahrgästen heute zugemutet wird.

Wie es besser geht, zeigte Stadler in Berlin in direkter Nachbarschaft zum neuen deutschen Tram-Train. Dort war ein neues Fahrzeug für die schmalspurige Centovallibahn im Tessin von Locarno ins italienische Domodossola zu besichtigen. Nahezu pünktlich zu ihrem 100-jährigen Jubiläum zeigte Stadler einen von insgesamt acht meterspurigen Triebzügen, die in drei- und vierteiligen Varianten an den Schweizer Betreiber der Centovallibahn Ferrovie Autolinee Regionali Ticinesi (FART) geliefert werden. Diese Fahrzeuge sind auch nicht viel breiter als moderne Stadtbahnen. Allerdings legt hier der Schweizer Auftraggeber großen Wert auf Bequemlichkeit und Komfort für die Fahrgäste. Deshalb verfügen diese Bahnen auch über wesentlich komfortablere Sitze inklusive einer fast schon luxuriösen 1. Klasse. Im Vergleich dazu kann der deutsche Tram-Train in Sachen Komfort einpacken.

Animation der Innenausstattung der künftigen Citylink-Stadtbahnen für die Karlsruher AVG mit deutlich bequemeren Sitzen als im Modell für die Saarbahn. ©Doellmann.at

UPDATE: Zur Präsentation des ersten Tram-Trains auf der Innotrans gibt es auch eine gemeinsame Pressemitteilung der Projektpartner. Besonders interessant sind dort die Links unter anderem mit 360°-Animationen der Fahrzeuge von außen und innen (auch mit 3D-Option). Dort kann man auch die unterschiedlichen Ausstattungsvarianten für die verschiedenen Betreiber vergleichen. Die künftigen Stadtbahnen für AVG und VBK haben laut dieser Animation wesentlich bessere Sitze mit Kopfstützen und dickeren Polstern als die Ausführung für die Saarbahn. Zudem werden die Stadtbahnen für die AVG auch über Toiletten verfügen. Wirklich brauchbare Gepäckablagen sucht man allerdings auch bei diesen neuen Bahnen vergeblich.

Lesetipp: In der taz beleuchtet Autorin Kerstin Finkelstein in der Kolumne Wir retten die Welt die schöne neue Technikwelt auf der diesjährigen Innotrans: „Euphorische Zukunft und dunkle Realität“.

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Autor: scritti

Freier Journalist, Author und Fotograf, Heilbronn / Berlin / London Experte für Mobilität und Klima, Bahn, Bus, Reisen, Architektur

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