Meister der Moderne: Charles Holden, Architekt für London Underground

Der herausragende Architekt Charles Holden wurde 1875 geboren und ist vor allem wegen seiner Bauten für die Londoner U-Bahn im Stil der Moderne der 1930er Jahre berühmt.

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Am 12. Mai 1875 wurde der Architekt Charles Holden in Bolton, Lancashire geboren. Bekannt wurde Holden vor allem für seine teils ikonischen Entwürfe für Stationen der Londoner U-Bahn, die vor allem bei den Erweiterungen der Northern Line und der Piccadilly Line in den 1930er Jahren entstanden und heute als typische, wegweisende Gebäude im Stile der Moderne und des Art Deco angesehen werden. Im Jahr 2026 werden tatsächlich einige der ersten U-Bahn-Stationen nach Plänen von Charles Holden hundert Jahre alt! Holden arbeitete eng an der Seite von Frank Pick, der damals als Chef der Underground Electric Railways Company of London (UERL) in den 1930er Jahren das Londoner Verkehrswesen transformierte und für eine moderne und einheitliche Designsprache in allen Bereichen sorgte. Mehr zu diesem herausragenden Design insbesondere bei Plakaten und Postern im Stil des Art Deco gibt es hier im Beitrag.

Das Ufo ist gelandet! Und zwar schon 1933 mitten in Southgate im Norden von London. ©SCRITTI

Im Frühjahr 2023 hatte ich zum ersten Mal die Möglichkeit, die U-Bahn-Station Southgate an der Piccadilly Line im Norden von London im Original zu besichtigen, nachdem ich diese schon lange auf meiner Liste hatte. Für mich ist dieses elegante runde Gebäude, das wie ein gerade gelandetes Ufo mitten in Southgate sitzt, ein Meisterwerk unter den vielen Stationen, die Charles Holden in den 1920er und 1930er Jahren für die Londoner U-Bahn entworfen hat und die heute in der Regel unter Denkmalschutz stehen. Wenn man einmal auf die herausragenden Gebäude von Charles Holden aufmerksam geworden ist, sieht man schnell seine Handschrift auch bei anderen Bauten für die Londoner U-Bahn. Auch hundert Jahre nach deren Entstehen überzeugen sie immer noch durch Modernität, Funktionalität und zeitloses Design.

Von Charles Holden gestaltete, modernistische Gebäude aus den 1930er Jahren sind auch jedes Jahr Bestandteil des Open House London Festivals im September und können wie etwa das Senate House bei dieser Gelegenheit besichtigt werden. Alles was man rund ums Open House Festival wissen muss, steht hier im Beitrag.

Holdens Stationsentwürfe für die Londoner U-Bahn waren beeinflusst von der modernistischen Architektur in Deutschland und Skandinavien und wurden später zum Standarddesign von London Underground und beeinflussten die Entwürfe aller Architekten, die in den 1930er Jahren für das Unternehmen arbeiteten.

Das runde Gebäude der U-Bahn Station Southgate wird flankiert von einem halbkreisförmigen Geschäftshaus im Hintergrund, welches architektonische Elemente der U-Bahn Station aufgreift und zugleich als Busbahnhof dient. ©SCRITTI

Die Southgate Station aus dem Jahr 1933 ist im Stil des Art Deco oder der Streamline-Moderne aus Ziegeln, Stahlbeton und Glas erbaut. Das gesamte Gebäude wird von einem bizarren beleuchteten Element gekrönt, das einer Tesla-Spule ähnelt und so gestaltet ist, als stamme es direkt aus Frankensteins Labor.

UPDATE: Am 31. Juli 2023 vor 90 Jahren wurde 1933 die Verlängerung der Piccadilly Line nach Cockfosters eröffnet. Einen längeren Artikel zur Geschichte des „Ufos von Southgate“ und der Arbeit von Charles Holden findet sich auf der Seite von Londonist.

Plakat zur Eröffnung der Piccadilly Line 1933 nach Cockfosters von Ian Visits.
Die Station Arnos Grove eröffnete am 19. September 1932 an der Piccadilly Line südlich von Southgate und war vorerst Endstation für die Züge, bis die Strecke Richtung Cockfosters weiter gebaut wurde. ©SCRITTI

Northern Line: Stationen von Charles Holden

Sehr schöne Beispiele zur Architektur der U-Bahn Stationen von Charles Holden finden sich entlang der heutigen Northern Line im Süden von London. Bei deren Erweiterung bis zur südlichen Endstation Morden 1926 wurden zahlreiche neue Stationsgebäude errichtet, die noch heute einen unvergleichbaren Charme besitzen und das erste größere Neubau-Projekt von Charles Holden waren. Frank Pick hatte 1924 Holden mit dem Entwurf der sieben neuen Bahnhöfe zwischen Clapham Common und Morden beauftragt. Dessen Pläne ersetzten einen Entwurf des UERL-eigenen Architekten Stanley Heaps, dessen Arbeit Pick als unbefriedigend und als nicht modern genug empfunden hatte.

Dazu gehören etwa die Stationen Balham, Tooting Bec, Tooting Broadway oder South Wimbledon, deren Fassaden mit Portland-Stein gestaltet sind und die alle über große Glasflächen über den Eingängen verfügen, die nachts beleuchtet sind und so weithin sichtbar den Weg zur London Underground weisen. Frank Pick wollte, dass die U-Bahn aus dem übrigen Geschehen herausragt und nicht unscheinbar in der Umgebung verschwindet, so wie das bei früheren U-Bahn Gebäuden oft der Fall war.

London Underground South Wimbledon
Zeitreise im Untergrund: Ein Typischer Blick in einer der von Charles Holden entworfenen U-Bahn-Stationen wie hier in South Wimbledon, wo 2025 vieles noch wie 1926 anmutet. ©SCRITTI

Metropolitan und Piccadilly Line im Nordwesten

London Rayners Lane Tube Station Holden Architecture
An der Station Rayners Lane treffen die Gleise von Piccadilly und Metropolitan Line aufeinander. Das Empfangsgebäude überspannt die Gleise und ist in ein größeres Ensemble mit Bauten aus Ziegeln eingebettet. ©SCRITTI

Ein weiteres herausragendes Beispiel für die Arbeit von Charles Holden ist die U-Bahn-Station Rayners Lane im Nordwesten Londons. Sie liegt inmitten einer Siedlung aus den 1930er Jahren, die ursprünglich Harrow Garden Village hieß. Die Station liegt an den beiden Zweigstrecken der Metropolitan und Piccadilly Line, die ab hier bis zur Endstation Uxbridge führen. Die heutige U-Bahn Station entwarf der neuseeländische Architekt Reginald Uren in Zusammenarbeit mit Charles Holden. Sie wurde am 8. August 1938 eröffnet und steht heute unter Denkmalschutz (Grade II Listed).

Das Stationsgebäude von Rayners Lane zeichnet sich durch eine große, würfelförmige Schalterhalle aus Ziegeln und Glas aus, die von einem flachen Stahlbetondach gekrönt wird, sowie durch geometrische Formen, die typisch für die in den 1930er Jahren unter Regie von Charles Holden neu gebauten Bahnhöfe sind.

Auch an weiteren Stationen der Piccadilly Line im Westen Londons finden sich typische Beispiele der Architektur von Charles Holden, etwa in Acton Town oder der benachbarten Station Ealing Common. Mehr dazu gibt es bei meinem empfohlenen Art Deco Walk durch Ealing hier im Beitrag.

Ebenfalls im Bezirk Ealing befindet sich die U-Bahn Station Northfields an der Piccadilly Line, ein weiterer Bau aus Ziegeln, Stahlbeton und Glas von Charles Holden von 1932. Hier schließt sich auch ein weiteres Depot für die U-Bahn-Züge an, das zeitgleich gebaut wurde. In Northfields fand die sogenannte Sudbury Box in Form eines Kubus Anwendung, benannt nach der Station Sudbury Town, wo dieses Konzept 1932 zum ersten Mal umgesetzt wurde.

London Piccadilly Line Northfileds Station Charles Holden
Schlichte Eleganz, die architektonisch bis weit ins 21. Jahrhundert ausstrahlt: Der U-Bahnhof Northfields von Charles Holden von 1932. ©SCRITTI

Wie die ebenfalls von Holden entworfenen Bahnhöfe Sudbury Town, Sudbury Hill, Acton Town und Oakwood zeichnet sich auch der Bahnhof Northfields durch eine hohe, blockartige Schalterhalle aus, die sich über einem niedrigen, horizontalen Gebäude mit Bahnhofsbüros und Geschäften erhebt. Die Ziegelwände der Schalterhalle sind mit Oberlichtern durchbrochen, und das Gebäude wird von einem flachen Betondach abgeschlossen.

Holden baut in London die „Kathedrale der Moderne“

Doch Charles Holden entwarf nicht nur U-Bahn Stationen. Für viele Jahrzehnte war das Headquarter der Londoner Verkehrsbehörde in einem monumentalen Gebäude nicht weit von Westminster, Buckingham Palace und St. James Park untergebracht.

London 55 Broadway Charles Holden
Über 90 Jahre war der Sitz der Londoner Verkehrsbehörde im Hochhaus über der U-Bahn Station St. James Park, auch bekannt als 55 Broadway nach dem Entwurf von Charles Holden. ©SCRITTI

Das herausragende Hochhaus, das auch in New York City stehen könnte, ist allgemein unter dem Namen 55 Broadway bekannt und wurde 1927 bis 1929 direkt über der U-Bahn Station St. James Park nach dem Entwurf von Charles Holden errichtet. Die Eingänge zur U-Bahn befinden sich im Erdgeschoss von 55 Broadway. Nach seiner Fertigstellung war es das höchste Bürogebäude von London, wofür Holden im Jahr 1931 mit der RIBA London Architektur Medaille ausgezeichnet wurde. Der Neubau war ein klares Statement, dass das „moderne London“ verkörperte und die UERL buchstäblich im Herzen der Hauptstadt verankerte. Der frische, weiße Portland-Stein hob das stolze Hauptquartier deutlich von seiner Umgebung ab, und die Zeitung The Observer beschrieb es sogar als die „Kathedrale der Moderne“.

In dem Gebäude befand sich über Jahrzehnte die Verwaltung der Londoner U-Bahn, zunächst noch UERL, ab 1933 dann London Transport und heute Transport for London (TfL), bevor diese im 21. Jahrhundert in Neubauten gegenüber der U-Bahn Station Southwark und in Stratford umgezogen ist. Besonders umstritten waren nach der Fertigstellung des Gebäudes die beiden Skulpturen Day and Night von Jacob Epstein im ersten Stock an der Fassade wegen ihres modernen Stils und der Nacktheit der Figuren. Nach einer Kampagne durch die Tageszeitungen erklärte sich der Künstler dazu bereit, 38 mm vom sichtbaren Geschlechtsteil der kleineren Figur Day zu entfernen, und der Aufruhr legte sich.

London 55 Broadway St. James Station Charles Holden Modell
Das Hochhaus 55 Broadway nach dem Entwurf von Charles Holden steht als beeindruckendes Modell im Acton Depot des London Transport Museums. ©SCRITTI

Das Gebäude steht seit 2020 leer und soll von Blue Orchid Hotels in ein Luxushotel mit 520 Zimmern umgewandelt werden. Bis Ende 2025 waren aber keinerlei Bauaktivitäten zu erkennen.

Bedauerlicherweise müssen sich im britischen Kapitalismus staatliche Einrichtungen wie TfL oftmals durch den teuren Verkauf von Immobilien finanzieren, weshalb selbst die Londoner Stadtverwaltung inzwischen weit in den Osten der Stadt ans Royal Victoria Dock verlegt wurde.

Londons höchstes Hochhaus für die Universität

London Senate House, 1933-1936, in der Nähe des Britischen Museums und Bibliothek der London Universität von Charles Holden war zeitweise das höchste Gebäude von London. ©SCRITTI

Ein weiteres Highlight von Charles Holden ist das Senate House in Nachbarschaft zum Britischen Museum, das in den Jahren 1933-36 für die Universität von London gebaut wurde und zeitweise mit 19 Stockwerken und 64 Metern Höhe das höchste Gebäude Londons war.

Das Gebäude weckt auch heute noch Assoziationen von einer gigantischen Staatsbehörde, die sich hervorragend als Kulisse für dystopische Filme eignet. So wundert es nicht, dass der Komplex, der während des Zweiten Weltkriegs durch das Informationsministerium genutzt wurde, auch Schriftsteller und Film Regisseure inspirierte. So diente Senate House als Vorlage für das Ministry of Truth in George Orwells Roman Nineteen Eighty-Four. Auch in der Verfilmung des Romans im Jahr 1984 kommt das Gebäude vor, ebenso wie in Filmen wie Spy Game (Lobby des CIA Headquarters), Batman Begins (Lobby des Gerichts), The Dark Knight Rises (ein Kostümball), Fast & Furious 6 (Moskau Interpol HQ), Jack Ryan: Shadow Recruit (Moskau Restaurant) oder in James Bond 007 No Time to Die  als MI6 Empfang.

Ausführlicher Hintergrund zum Leben und der Karriere von Charles Holden gibt es auf der entsprechenden Wikipedia Seite und bei Modernism in Metroland. Einen Übersichtsplan mit allen Londoner U-Bahn Stationen von Charles Holden gibt es bei The Londonist.

Die großen Fenster über den Eingängen mit dem weithin sichtbaren Logo der London Underground (Roundel) sind wie in Tooting Bec bei Nacht beleuchtet und machen die U-Bahn Station so zu einem Wegweiser in der Stadt. ©SCRITTI

Der erste Teil meiner Blog-Serie über herausragende Art Deco Gebäude in Großbritannien findet sich hier, der zweite Teil hier.

Der besondere Buch-Tipp: Modernistische U-Bahn Stationen in London

London Tube Stations 1924-1961 Book Fuel

Das Buch London Tube Stations 1924-1961 von Fotograf Philip Butler und Historiker Joshua Abbott aus dem Verlag FUEL zeigt in zahlreichen stimmungsvollen Fotos die herausragende Architektur der Londoner U-Bahn Stationen, die in der Zeit zwischen den Kriegen und nach dem Zweiten Weltkrieg im Stile des Modernismus entstanden sind. Es beleuchtet Ideen, Einflüsse und Referenzen. Natürlich spielen auch hier Frank Pick und Charles Holden eine wesentliche Rolle beim Thema Design und Architektur. Das Buch stellt jede Entwicklungsphase, Linie für Linie, mit zeitgenössischen Fotos aller erhaltenen Stationen vor. Jede wichtige Station wird auf einer Doppelseite mit einem Hauptfoto der Außenansicht und ein oder zwei ergänzenden Bildern präsentiert. Eine ausführlichere Einleitung, illustriert mit Fotos aus dem London Transport Museum, bietet historischen Kontext, während ein abschließendes Kapitel die abgerissenen Stationen mit weiteren historischen Bildern auflistet. Auf der Webseite des Verlages gibt es eine Auswahl von Texten und Fotos aus dem Buch. Beim Verlag ist das Buch vergriffen. Ich konnte es 2024 in London noch bei Bestellung im Buchhandel bekommen.

London Tube Stations: 1924-1961
Philip Butler and Joshua Abbott
160×200 mm hardback
200 pages
ISBN: 978-1-7398878-2-7
Published in 2023

Danke fürs Lesen des Beitrags!

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Autor: scritti

Freier Journalist, Author und Fotograf, Heilbronn / Berlin / London Experte für Mobilität und Klima, Bahn, Bus, Reisen, Architektur

4 Gedanken zu „Meister der Moderne: Charles Holden, Architekt für London Underground“

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