Architektur-Erlebnis: Berlin, Die Weiße Stadt

Die Großsiedlung Weiße Stadt im Norden von Berlin von 1931 zählt zum UNESCO-Welterbe und ist als typisches Beispiel für das Neue Bauen einen Besuch wert

Wo: Berlin Reinickendorf im Karree an der Aroser Allee, Gotthardstraße, Emmentaler Straße
Anreise: U-Bahnhof Residenzstraße an der U8
Architekten: Otto Rudolf Salvisberg, Bruno Ahrends und Wilhelm Büning
Besonderheit: UNESCO Welterbe

Im Norden von Berlin findet sich ein faszinierendes architektonisches Kleinod, das seinesgleichen sucht: Die Weiße Stadt. Der Name ist Programm: Das Ensemble aus weißen Mietshäusern in unterschiedlichen Größen und Höhen entstand zwischen 1929 und 1931 im Stil des Neuen Bauens und erinnert sehr stark an die berühmte Bauhaus-Architektur. Zwischen den diversen Gebäuderiegeln befinden sich ausgedehnte Grünzonen und kleine Gärten, die viel Licht und Sonne in die Freiräume zwischen den Häusern bringen. Hintergrund für den Bau solcher Großsiedlungen am Stadtrand war die Suche nach modernen und zeitgemäßen Wohnformen, die menschliche Bedürfnisse in den Vordergrund rückten und zugleich bezahlbaren Wohnraum für sehr viele Menschen schaffen sollten – jenseits der klassischen Berliner Mietskasernen mit engen und dunklen Innenhöfen und der mit dem Nachbarn geteilten Außentoilette im Treppenhaus. So entstand auch die Weiße Stadt als genossenschaftlich organisierte, moderne Großsiedlung mit 1.268 Wohnungen. Zusammen mit fünf anderen Berliner Siedlungen ist sie seit 2008 als UNESCO-Welterbe eingetragen als Siedlungen der Berliner Moderne. Es lohnt sich, zwischen den verschiedenen Gebäuden umherzustreifen, die entspannte Atmosphäre auf sich wirken zu lassen und die vielen Details der Architektur zu entdecken. Die Moderne ist unübersehbar und wirkt auch noch hundert Jahre später zeitgemäß. Gerne würde man hier in der Großstadt wohnen!

Die Weiße Stadt ist laut wikipedia die letzte Siedlung der Klassischen Moderne, die in der Weimarer Republik eröffnet wurde. Sie wurde wie andere Siedlungen als Folge des Wohnungsmangels 1928–1931 durch die Gemeinnützige Heimstättengesellschaft ‚Primus‘ mbH von den Architekten Otto Rudolf Salvisberg, Bruno Ahrends und Wilhelm Büning nach dem Städtebauentwurf von Otto Rudolf Salvisberg erbaut. Landschaftsplaner war Ludwig Lesser. Um die Baukosten zu minimieren wurden die Arbeiten an kleine Handwerksbetriebe vergeben.

Die Großsiedlung hat eine offene Binnenstruktur aus Rand- und Zeilenbauten und ineinander fließenden Grünräumen. Das Weiß der Gebäude wird verstärkt durch farbige Akzente wie farbige Regenrohre, Dachüberstände, Türen und Fensterrahmen. Alles wirkt auch hundert Jahre später noch sauber und elegant. Unübersehbar ist das architektonisches Aushängeschild der Siedlung, das Brückenhaus an der Aroser Allee. Ähnlich wie am Kottbusser Tor in Kreuzberg überspannt das Haus mit mehreren Etagen die breite Straße. Südlich davon finden sich an der Kreuzung mit der Gotthard Straße zwei synchrone markante Ecktürme mit Geschäften im Erdgeschoss, die quasi ein Tor in die Aroser Allee bilden. Zum Glück ist die Straße zumindest an einem Sonntag nicht wirklich stark befahren. Zwischen den beiden Fahrspuren befindet sich ein breiter Grünstreifen, der leider nicht wirklich sinnvoll genutzt wird. Vielleicht fuhr hier auch mal eine Straßenbahn, die ja in West-Berlin bis 1967 aus politischer Dummheit komplett abgeschafft wurde.

Auch die taz widmete sich im Juni 2021 in einem ausführlichen Artikel auf der Reise-Seite unter dem Titel „Avantgarde am Stadtrand“ dem modernen Bauen vor hundert Jahren in Berlin und den Großsiedlungen des UNESCO Welterbes. Darin geht es neben der Weißen Stadt unter anderem auch noch um die Schillerpark-Siedlung ebenfalls im Wedding oder die Hufeisensiedlung im Süden Berlins in Britz.

taz-Autorin Ulrike Wiebrecht schreibt in dem Artikel: „Während anderswo die Blockbebauung mit feuchten Mietskasernen, dunklen Hinterhöfen und ungesunden Wohnverhältnissen das Stadtbild bestimmte, sollten hier auch Menschen mit einem geringen Einkommen ein Maximum an Lebensqualität bekommen. Licht, Luft und Sonne wollte man in die Wohnungen holen und sie menschenwürdig gestalten. Innen gut geschnitten mit Küchen, Bädern, Balkonen, oft auch gemeinschaftlichen Waschküchen unter dem Dachboden, lockern außen großzügige Grünzonen mit Spielplätzen und Ruhezonen die Wohnstätten auf. Ein Konzept, das sich noch heute bewährt.“

Siedlungen des UNESCO-Welterbes wie die Weiße Stadt lassen sich auch mit geführten Architektur-Touren erleben, etwa mit Ticket-B. Die Architektur-Experten vermitteln spannend und authentisch das zeitgenössische Baugeschehen und die moderne Architektur der Hauptstadt Berlin. Mit ihrem Netzwerk von Fachleuten bieten sie vielfältige Führungsformate, organisieren Architekturreisen, Konferenzen und Veranstaltungen und haben zahlreiche Fachpublikationen veröffentlicht.

Autor: scritti

Freier Journalist und Fotograf, Südwestdeutschland Fachmann für Verkehr, Bahn, Bus, Reisen

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