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Wer hätte gedacht, dass man in Berlin eine nagelneue U-Bahn für die Londoner Tube erleben kann? Und das nicht nur von Außen, sondern auch von Innen? Das war definitiv das Highlight meiner Woche Ende September 2026 in Berlin und ein echter Hingucker! Doch was macht der Zug im unverkennbaren blau-weiß-roten Design von Transport for London eigentlich mitten in Berlin? Genauer gesagt konnte man die Bahn nicht mitten in Berlin antreffen, sondern weiter westlich auf der Berliner Messe. Dort fand wie alle zwei Jahre vom 22. bis 25. September 2026 die weltgrößte Verkehrsmesse InnoTrans statt. Mit 3.170 Ausstellern aus 59 Ländern sprengte die Weltleitmesse für Verkehrstechnik 2026 alle Rekorde. Zugleich feierte die InnoTrans ihr 30-jähriges Bestehen. Alle großen Hersteller von Schienenfahrzeugen waren vertreten und präsentierten eine Vielzahl neuer Fahrzeuge für den Regional- und Fernverkehr sowie Technik und Komponenten rund um den Schienenverkehr.

Auf dem Außengelände der Messe Berlin gibt es sehr viele Gleise, so dass hier immer zahlreiche nagelneuen Züge von den Herstellern präsentiert werden können. Siemens Mobility hatte in diesem Jahr tatsächlich einen kompletten, 113 Meter langen U-Bahn Zug für die Piccadilly Line in London auf dem Außengelände stehen. Die Fahrzeuge befinden sich derzeit in Bau überwiegend in Großbritannien und sollen die uralten Rumpelkisten aus den 1970er Jahren ersetzen, die dort heute noch im Einsatz sind. Doch was haben die neuen Züge zu bieten, und wann kann man sie tatsächlich in London im Einsatz erleben?
Londons U-Bahn, wegen ihrer Röhrenform auch The Tube genannt, ist eines der ältesten und am dichtesten befahrenen U-Bahn-Systeme der Welt seit der Eröffnung der ersten Linie im Jahr 1863. Rund 5 Millionen Passagiere pro Tag nutzen heutzutage die 11 U-Bahn-Linien. Und wer mit dieser U-Bahn in London unterwegs ist, sieht schnell auch die über hundertjährige Geschichte des Systems. Auch wenn es in den vergangenen Jahren einiges an Modernisierungen gegeben hat, so sieht man doch an allen Ecken und vor allem auch in den Fahrzeugen die Unterfinanzierung des gesamten Systems.

Unter anderem sind auf der Strecke der Piccadilly Line, die mit zwei Ästen vom Süd- und Nordwesten quer durch die Innenstadt bis in den Nordosten Londons führt, mit die ältesten Fahrzeuge im U-Bahn-Netz unterwegs. Diese gehören zum sogenannten London Underground 1973 Tube Stock. Entsprechend der bei London Underground üblichen Konvention leitet sich die Bezeichnung aus dem Jahr der geplanten Indienststellung (1973) ab.
Nachdem die Finanzierung neuer Fahrzeuge lange unsicher war, hat Siemens Mobility vom Aufgabenträger Transport for London schließlich 2018 den Auftrag erhalten, 94 neue U-Bahn-Züge für die Piccadilly Line zu liefern. Ein großer Fortschritt für die Londoner U-Bahn, denn schließlich nutzen 700.000 Fahrgäste täglich die Piccadilly-Linie, was gerade im Sommer ohne Klimatisierung kein großer Spaß ist und oft eher einem Höllenritt gleicht. Der Auftrag enthält zudem Optionen, weitere Züge für die anderen U-Bahn Linien zu liefern, auf denen aktuell noch Uralt-Fahrzeuge im Einsatz sind.

Die neuen Züge von Siemens haben vom Hersteller den verheißungsvollen Namen Inspiro erhalten. Sie orientieren sich auch optisch am traditionellen Design der Londoner Tube und sollen voraussichtlich noch 2026 in den Fahrgasteinsatz gehen. Die Front mit viel Glas und einer umlaufenden LED-Lichtleiste ist auf jeden Fall ein optisches Highlight. Testfahrten der neuen Züge im Londoner Untergrund finden bereits statt. Nach dem traditionellen System werden die Züge auch als London Underground 2024 Stock bezeichnet. Bevor sie in den Fahrgasteinsatz gehen können, muss es noch zahlreiche Anpassungen an der Infrastruktur der Londoner U-Bahn geben.

Gebaut werden die neuen Züge von Siemens zum größten Teil in einem eigens eingerichteten Werk in Goole, Yorkshire. Dank ihres innovativen Designs erhöhen die neuen Züge laut Hersteller die Kapazität im Zug um zehn Prozent, sorgen für eine reduzierte Abnutzung der Gleise und bieten den Fahrgästen eine deutlich ruhigere Fahrt als in den alten, rumpelnden Kisten. Die Züge werden mit Blick auf Nachhaltigkeit gebaut, sollen langlebig sein und verbrauchen 20 Prozent weniger Energie als die bestehende Flotte.

Das Besondere an den neuen Zügen für die Linien mit kleinerem Lichtraumprofil ist, dass sie erstmals auf voller Länge durchgehend begehbar sind. Zudem verfügen sie über eine moderne Form der Unterboden-Klimatisierung, die Fahrten bei sommerlicher Hitze erträglich machen soll. Die Kühlung war übrigens auch im Zug auf der InnoTrans, der dort in der Sonne parkte, im Einsatz und deutlich spürbar.


Bei meinem Besuch auf der InnoTrans konnte ich feststellen, dass die Züge wirklich schick im Inneren sind, wenn auch naturgemäß etwas eng. Aber mehr passt halt nicht in die enge Londoner Tube. Die Polsterung folgt dem inzwischen üblichen System mit bestimmten Mustern für die jeweilige Linie beziehungsweise Epoche, den sogenannten Moquettes. Die Bequemlichkeit der neuen Sitze lässt nach meinem ersten Eindruck etwas zu wünschen übrig. Aber man verbringt ja in der Regel keine Ewigkeiten in der Tube, und Robustheit hat hier sicherlich Vorrang vor Bequemlichkeit.

Bislang ist der Fahrgasteinsatz der neuen Züge noch im Dezember 2026 geplant. Doch wie so oft werden erst bei den Testfahrten viele kleinere Probleme entdeckt, die es zunächst zu beheben gilt.
Die Einführung neuer Züge auf der Piccadilly Line wird die Fahrten von Millionen unserer Kunden erheblich verbessern und für häufigere und zuverlässigere Züge in den kommenden Jahrzehnten sorgen. Die Flotte aus den 1970er Jahren wird durch den umweltfreundlichsten Zug ersetzt wird, den wir je im Netz im Einsatz hatten. Wenn die neuen Züge in Betrieb gehen, werden unsere Kunden von mehr Platz, Klimaanlage, Echtzeitinformationen, erhöhten Frequenzen und verbesserter Zuverlässigkeit profitieren.
Andy Lord, Londons Verkehrskommissar
Sobald die 94 neuen Züge die 86 alten aus den 1970ern abgelöst haben, soll die Anzahl der Fahrten durch das Zentrum von London von aktuell 24 auf künftig bis zu 27 Züge pro Stunde erhöht werden, was einer U-Bahn Fahrt alle 135 Sekunden auf der Piccadilly Line entspricht. Die Erwartungen an die neuen Züge sind entsprechend hoch. Die Anzahl der Passagiere, die auf der gesamten Piccadilly Linie befördert werden können, soll zu Spitzenzeiten durch die neuen Züge und einen dichteren Takt um bis zu 23 Prozent steigen. Dank ihrer leichten Konstruktion und ihres innovativen Designs bieten die Züge eine deutliche Gewichtsreduzierung bei gleichzeitiger Steigerung der Energieeffizienz und des Komforts.

Wenn die neuen Züge halten, was sie versprechen, und genauso langlebig wie die bisherigen sind, dürfte einem Einsatz in den Tunneln von London bis in die 2070er Jahre eigentlich nichts mehr im Wege stehen.
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