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Einer der seltsamsten und zugleich auch beeindruckendsten und irgendwie auch schönsten Küstenorte, die ich je besucht habe, ist Portmeirion im Norden von Wales. Der Ort gehört zur Gemeinde Penrhyndeudraeth und liegt auf einer kleinen Halbinsel an der Mündung des Flusses Dwyryd in die irische See, in der Nähe des Snowdonia National Park mit seinen spektakulären Bergketten. Bei einer kleinen Rundreise durch Wales im Juni 2011 sind wir auch in Portmeirion vorbeigekommen. Portmeirion wurde über mehrere Jahrzehnte zwischen 1925 und 1975 vom Architekten Sir Clough Williams-Ellis im Barockstil entworfen und erbaut und befindet sich heute im Besitz einer gemeinnützigen Stiftung. Es gibt zwei Hotels, Souvenirshops, Cafés und Restaurants, und die meisten der kleinen Wohnhäuser und Cottages dienen als Ferienwohnungen für Touristen.

Wenn man den Ort das erste Mal betritt, glaubt man sich in einer etwas bizarren Filmkulisse. Man wird von farbigen bunten Häuschen begrüßt, umgeben und verziert mit Säulen, Portalen, Bögen und Türmchen und umrahmt von Palmen und Zypressen. Man fühlt sich tatsächlich irgendwo in eine italienische Idylle versetzt und vergisst, dass man sich in einem eigentlich eher unwirtlichen Landstrich befindet, in dem die Häuser meist grau und aus Stein und Schiefer sind.

Die große, bunte Filmkulisse, die der Ort darstellt, wurde verständlicherweise auch schon für zahlreiche Film- und Fernsehproduktionen oder Musikvideos genutzt. Doch warum macht sich jemand die Mühe, über fünf Jahrzehnte solch eine heile Welt in Bonbon-Farben zu erschaffen?
Bekannt wurde der Ort hauptsächlich durch die britische TV-Kultserie The Prisoner von 1966-67, wo er schlicht The Village heißt. Die Fernsehserie wurde von Patrick McGoohan entwickelt, der auch die Hauptrolle des Number Six spielt, eines namenlosen britischen Geheimagenten, der nach seinem Rücktritt entführt und in einem mysteriösen Küstendorf („The Village“) eingesperrt wird. Die gesamte Serie von The Prisoner, die stark an die Anfänge von James Bond 007 erinnert, kann im Youtube-Kanal von ITV-Retro angeschaut werden. Die erste Folge mit dem Titel Arrival im englischen Original gibt es hier.

Aber auch die vierteilige Serie „Die Maske der Mandragora“ der Raum- und Zeitreise Serie Dr. Who von 1976 wurde in Portmeirion produziert.
Es ist eine fast schon surreale Welt, die an der rauen Küste von Wales unvermittelt auftaucht und die Sinne mit Farben, eleganten Formen und Schönheit überschwemmt. Das war auch die Intention des Architekten. Williams-Ellis wollte an diesem besonderen Ort beweisen, dass ästhetische Bebauung eine von Natur aus schöne Landschaft bereichern und nicht zerstören kann. Sein Ziel war es, farbenfrohe und verspielte Architektur mit der rauen walisischen Küste zu verbinden und so zu zeigen, dass „architektonische Konventionen“ sowohl ästhetisch als auch funktional sein können.

Der Ort ist eine Ansammlung von über 50 Gebäuden, meist in bunten Pastellfarben angemalt und in einem vermeintlich mediterranen Stil erbaut. Die Gebäude liegen in einer parkähnlichen, dank des üppigen Grüns inklusive Palmen ebenfalls mediterran anmutenden Landschaft.

Es scheint tatsächlich so, als sei ein idyllisches Dorf von der italienischen Riviera durch Raum und Zeit an die Küste von Wales gewandert. Der Vergleich von Portmeirion mit dem idyllischen Hafenstädtchen Portofino an der ligurischen Riviera taucht immer wieder mal auf, ist aber nicht wirklich treffend. Säulen und Türmchen sucht man in Portofino meist vergebens. Dennoch gesteht Williams-Ellis ein, dass Portofino ihn sicherlich bei seinen Ideen beeinflusst hat.




Doch die mediterranen Einflüsse basieren weniger auf realen Vorbildern als auf einer idealen Fantasiewelt. So kommt man sich auch vor, wenn man durch Portmeirion schlendert: In einer Mischung aus zeitloser Fantasiewelt, Vergnügungspark und Filmkulisse. Man weiß nicht so richtig, wo man hier eigentlich gelandet ist, und doch hat Portmeirion eine faszinierende Ausstrahlung und Anziehung.
The village is avowedly theatrical. An imposing portico turns out to have nothing behind it, like a stage set, and illusionistic paintings of stone and carving mingle with the real things. Living rock, which sometimes bursts through the delicate architecture, is juxtaposed with papery representations of it. Views are framed and managed, like pictures, by archways and openings. Portmeirion seems also to have drunk from the local Alice-in-Wonderland potion of shrinking and enlarging: optical tricks make buildings look bigger than they really are. It is brilliant and seductive, but also a bit weird.
The Guardian: Portmeirion to Coleg Harlech: an architectural odyssey in north-west Wales

Kein Wunder, dass der Ort über die Jahrzehnte auch viele Künstler und Musiker angezogen hat. Zu den ersten Besuchern zählten die Autoren George Bernard Shaw und H. G. Wells. Neben Hollywood-Schauspielern kamen auch Architekten wie Frank Lloyd Wright 1956, und auch zu den Beatles gibt es mehrfach Verbindungen.

Der Retter der Denkmäler
Rund 40 der über 50 Gebäude und auch die Gartenanlagen sind mittlerweile denkmalgeschützt. Architekt Williams-Ellis integrierte in sein Werk Fragmente abgerissener Gebäude, darunter auch Gebäude anderer Architekten. So stammt etwa die ikonische Kolonnade, bekannt als Bristol-Kolonnade, ursprünglich von einem Badehaus aus dem 18. Jahrhundert in Arnos Court in Bristol. Das um 1760 erbaute Gebäude war nach Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg zerstört. Die verbliebene Fassade wurde 1957 Stein für Stein zerlegt, nach Wales transportiert und in Portmeirion wieder aufgebaut, wo sie schließlich 1971 ebenfalls unter Denkmalschutz gestellt wurde (Grade II* listed). Williams-Ellis selbst bezeichnete Portmeirion auch als eine „Heimat für gefallene Gebäude“. Mehr Hintergrund zur Herkunft der Bristol-Kolonnade gibt es im faszinierenden Blog von The Folly Flaneuse mit Streifzügen und Abschweifungen über Garten- und Landschaftsornamente.

Die Mischung aus fantasievollen Zitaten aus der Architekturgeschichte und ihre teils bewusste nostalgische Überhöhung gelten sogar als Einflussfaktoren für die Entwicklung der Postmoderne in der Architektur des späten 20. Jahrhunderts, wo Säulen und Portale ein heute umstrittenes Comeback erlebten.

Es ist nun schon einige Jahre her, seit ich in Portmeirion war, und ich wollte schon immer etwas darüber schreiben. Wahrscheinlich wird sich in dieser zeitlosen Idylle nicht viel verändert haben. Noch kommen pro Jahr zwischen 200.000 und 300.000 Besucher nach Portmeirion, um in diese seltsame und unwirkliche Fantasiewelt an der Nordküste von Wales einzutauchen.

Im Kanal BBC Archive auf Youtube gibt es einen knapp zehnminütigen Beitrag von 1969 mit dem Titel The pleasure of Portmeirion. Darin erzählt Sir Clough Williams-Ellis die Geschichte des von ihm an der walisischen Küste entworfenen Dorfes Portmeirion im italienischen Stil. Er beschreibt die Entstehung seiner Vision als „Architektur des Vergnügens“.
Hinkommen: Der nächste Bahnhof zu Portmeirion befindet sich in Minffordd etwa eineinhalb Kilometer nordöstlich von Portmeirion. Hier kommen die Züge über die Cambrian Coast Railway entlang der walisischen Küste auf dem Weg bis Porthmadog vorbei. Von London Euston aus dauert die Bahnreise über Birmingham etwa sechs Stunden, und man muss in der Regel mindestens einmal in Birmingham New Street umsteigen. Von Birmingham aus sind es fünf Stunden. Fahrpläne und Tickets gibt es direkt beim Betreiber Transport for Wales oder auch bei Trainline. Zeitig gebucht gibt es Tickets ab etwa 30 Euro. Von Porthmadog aus fahren auch Busse bis Minffordd oder Taxis. Von Minfford aus muss man die Stichstraße in etwa 15-20 Minuten nach Portmeirion hinunterlaufen. Eine direkte Busanbindung gibt es nicht.
Übernachten: Man kann in Portmeirion in einem der beiden Hotels The Hotel Portmeirion direkt am Wasser oder im Hotel Castell Deudraeth in einem schlossähnlichen Gebäude auf dem Hügel übernachten. Dazu kommen 32 hotelähnliche Zimmer, die über The Village verteilt sind und 13 Cottages im Ort, in denen man sich selbst versorgen kann. Außerdem gibt es auch 23 Wohnmobil Stellplätze auf 5-Sterne-Niveau. Alle Infos dazu gibt es auf der Webseite von Portmeirion.
Per Schmalspurbahn in die wilden Berge von Wales



Etwa drei Kilometer von Portmeirion entfernt findet man den Küstenort Porthmadog, das auch als Ausgangspunkt für eine tolle Schmalspurbahn in die Berge von Wales bekannt ist, und die man nicht verpassen sollte, wenn man sich in der Gegend befindet. Die Ffestiniog Railway, eröffnet im Jahr 1836, wurde einst gebaut, um Schiefer von Ffestiniog zum neuen Hafen in Porthmadog zu transportieren. Heute werden umgebauten Personenwagen Fahrgäste befördert. Die Bahnstrecke ist etwa 21,7 km lang und verläuft vom Hafen in Porthmadog bis zur Schieferbergbaustadt Blaenau Ffestiniog. Sie führt durch bewaldetes und bergiges Gelände und ist durchgehend eingleisig mit vier Ausweichstellen. Der erste Kilometer der Strecke ab Porthmadog verläuft auf einem Damm, dem sogenannten Cob, einem Deich des Polders Traeth Mawr. Weitere Infos über die Bahn, zu Fahrplänen und Tickets gibt es auf der Webseite der Ffestiniog & Welsh Highland Railways.
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