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Wenn an einem schönen Wintertag in London die Sonne scheint und man sich nach einem entspannenden Spaziergang mit Licht und Weite sehnt, empfehle ich einen Tagestrip an die Küste. Zum Glück ist das Meer von London aus ja schon in rund einer Stunde Bahnfahrt erreichbar. Eines der nahegelegensten Seebäder ist Southend-on-Sea östlich von London, wo sich die Themse in einer weiten Bucht mit der Nordsee verbündet. Southend ist seit dem 19. Jahrhundert quasi die Badewanne des Londoner East End. Besonders beschaulich geht es dabei in Southends Stadtteil Leigh-on-Sea zu, rund 65 Kilometer von London entfernt und von London aus gesehen zwei Bahnstationen vor dem Bahnhof Southend Central.

Leigh-on-Sea ist von London aus der am schnellsten erreichbare Ort, an dem man richtige Seeluft schnuppern und ein Gefühl von British Seaside erleben kann, sommers wie winters. Genau genommen befindet sich Leigh-on-Sea noch nicht direkt am Meer, sondern in der großen Bucht, in der die Themse in die Nordsee übergeht, dem so genannten Thames Estuary. Aber am Horizont erkennt man bereits das über zwei Kilometer lange Pier von Southend, und dahinter befindet sich tatsächlich die Nordsee. Zudem hat Leigh-on-Sea den Charme eines kleinen Fischerdorfs an der britischen Küste, dem man sich auch an einem sonnigen Wintertag nur schwer entziehen kann.
Wenn man die Bahnstation Leigh-on-Sea in östlicher Richtung verlässt und auf der Straßenbrücke über die Gleise nach rechts abbiegt, befindet man sich gleich auf dem Küstenweg, der über 12 Kilometer bis nach Shoeburyness führt und ausgiebige Wanderungen ermöglicht. Die ersten Boote im flachen Wasser kommen in Sicht, und Läden locken mit frischen Meeresfrüchten. Man läuft zwischen den Bahngleisen und Bootshäusern entlang, bevor man nach wenigen Minuten das Zentrum von Leigh-on-Sea erreicht hat.
Hier reihen sich diverse Cafés, Pubs und Seafood Restaurants in umgebauten Bootshäusern aneinander und verströmen den Charme eines kleinen britischen Fischerdorfes.

In der Regel kann man sich auf einer Terrasse oder in einem Biergarten niederlassen und von dort den Blick über die weite Themse und das Meer am Horizont schweifen lassen und den vorbeifahrenden Schiffen zuschauen.



Am Wochenende kann es bei schönem Wetter selbst im Januar recht voll werden in Leigh-on-Sea. Nichtsdestotrotz ist es nach wie vor ein sehr idyllischer Ort, an dem man selbst im Winter der jahreszeitlichen Tristesse entfliehen und bei blauem Himmel und Sonnenstrahlen schnell Urlaubsgefühle bekommen kann.

Einziges Manko ist der starke Tidenhub in der Themsemündung von über fünf Metern, so dass bei Ebbe das eigentliche Meer ganz schön weit weg sein kann. Bei Ebbe werden große Wattflächen (im Englischen auch als Mud bezeichnet) freigelegt, und bei Flut reicht das Wasser bis an die Ufermauer.

Aber wenn die Flut das Meer zurückbringt, findet man gleich sehr schöne lange Kiesstrände vor, und auch sonst tut es unheimlich gut, einfach am Wasser zu sein und die Weite und den Horizont zu genießen. Selbst bei Ebbe kommen in der Ferne immer wieder auch größere Containerschiffe vorbei.

Man kann von Leigh-on-Sea aus immer am Wasser entlang den ausgeschilderten England Coast Path bis nach Southend-on-Sea oder darüber hinaus laufen. Für einen gemütlichen Nachmittagsspaziergang kann man am besten am Wasser entlang etwa vier Kilometer bis Westcliff-on-Sea wandern und vom dortigen Bahnhof dann mit dem Zug bequem nach London zurückfahren.

Natürlich sind auch in Southend in prominenter Lage Art Deco und Streamline Highlights aus den 1930er Jahren nicht weit. Ein schönes Beispiel sticht in Westcliff-on-Sea vom Küstenweg aus gut sichtbar ins Auge: Argyll House ist ein markanter, U-förmiger Wohnblock im Streamline-Moderne-Stil aus dem Jahr 1937. Entworfen von den Architekten Howis und Belcham (bekannt für ihre Kinoentwürfe), ähnelt das Gebäude in seiner Form einem Boot mit abgerundeten Ecken und horizontalen Linien und bietet von den vorderen Wohnungen herrliche Ausblicke auf die Themsemündung. Das Gebäude ist Teil der Leas Conservation Area. Das Schutzgebiet Leas umfasst den markantesten Teil der Bebauung zwischen der Eisenbahnlinie und der Strandpromenade in Westcliff-on-Sea, die bis in die 1930er Jahre entstand. Trotz einiger späterer Umbauten und Veränderungen hat sich das Gebiet viel vom Charakter des ursprünglichen Wohnortes bewahrt.

Southend-on-Sea ist für sich genommen auch schon einen Besuch wert mit langen Stränden, dem längsten Pier von Großbritannien und einer wunderbaren kleinen Pierbahn, die einen bequem die zwei Kilometer hinaus aufs Meer bringt. Darüber gibt es mehr hier im Beitrag.

Per Bahn nach Southend-on-Sea und Leigh-on-Sea
Vom Bahnhof London Fenchurch Street aus, etwas versteckt zwischen den Hochhäusern der City of London, fahren Züge von c2c teils alle 10 Minuten auf dem Weg nach Southend Central und Shoeburyness direkt nach Leigh-on-Sea. Dafür benötigen sie zwischen 45 Minuten und einer Stunde. Leigh-on-Sea liegt zwei Stationen vor dem Bahnhof Southend Central. Fahrpläne und Tickets gibt es direkt beim Betreiber c2c oder auch bei Trainline.

Wanderungen: Es gibt verschiedene Webseiten mit Empfehlungen für Spaziergänge und Wanderungen entlang der Themsemündung. Auch auf der c2c-Webseite findet sich eine Auswahl mit verschiedenen Routen zwischen Leigh-on-Sea, Southend und der Endstation der Züge in Shoeburyness. Die gesamte Strecke von Leigh-on-Sea nach Shoeburyness beträgt ungefähr 12 Kilometer und dauert etwa 2,5 Stunden. Wer mit der Komoot-App unterwegs ist, findet auch bei Komoot eine Auswahl an Routen rund um Leigh-on-Sea und durch die verschiedenen Naturlandschaften.

Übernachten: Wer länger als nur einen Tagesausflug bleiben möchte, übernachtet am besten in Southend-on-Sea, wo diverse Hotels und Bed&Breakfast zur Verfügung stehen. Unter anderem gibt es zwei Premier Inn Hotels in direkter Strandlage, das Southend On Sea (Eastern Esplanade) Hotel nahe des Piers von Southend und weiter östlich das Southend-On-Sea (Thorpe Bay) Hotel. Bis vor kurzem konnte man auch ganz klassisch im historischen, monumentalen Palace Hotel gegenüber des Piers von Southend übernachten, das zuletzt aber nicht unbedingt den besten Ruf hatte. Inzwischen ist es geschlossen.
Der besondere Lesetipp: Britain’s Seaside Architecture im 20. Jahrhundert

Ein sehr schönes Buch der C20 Society von Dr Kathryn Ferry mit dem Titel 20th Century Seaside Architecture: Pools, Piers and Pleasure around Britain’s Coast von 2025 beleuchtet die Entwicklung der Architektur in den britischen Seebädern seit 1920 und bis zu deren Niedergang im 20. Jahrhundert anhand von unzähligen historischen Postkarten. Das Buch bietet eine prachtvolle Erkundung der architektonischen Schätze britischer Küstenorte des 20. Jahrhunderts – von imposanten Meerwasserpools im Stil des Art Deco über Piers und Amüsiermeilen bis hin zu Kongresszentren im Stil des Brutalismus aus den 1970er Jahren. Die stimmungsvollen historischen Postkarten in teils knallbunten Farben erzählen eine faszinierende Chronik des Aufstiegs, Niedergangs und der anhaltenden Anziehungskraft der britischen Seebäder, die inzwischen wieder ein zaghaftes Revival erleben. Leider ist das Buch im C20-Shop aktuell vergriffen. Es finden sich aber noch Exemplare Online oder im Buchhandel.
Danke fürs Lesen des Beitrags!
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