Der Barbican Komplex mitten in der City of London ist gemeinhin nicht für seine farbenfrohen Gebäude bekannt, wie man hier im Beitrag zur Geschichte der Anlage nachlesen kann. Die alles beherrschende Farbe des berühmten Häuserensembles im Baustil des Brutalismus ist Betongrau, stellenweise untermalt mit viel natürlichem Grün. Das hat sich im April 2024 für ein paar Monate radikal geändert: In der Mitte der Anlage mit dem Barbican Kulturzentrum und der Lakeside Terrasse mit den Wasserspielen dominiert nun ein kräftiges Lilapink. Das Gebäude des Barbican Centre ist weitgehend in eine überdimensionale, maßgeschneiderte Stoffhülle verpackt.

Man denkt dabei natürlich sofort an das berühmte Künstlerehepaar Christo und Jeanne-Claude, die mit der spektakulären Verpackung berühmter Gebäude wie dem Berliner Reichstag berühmt geworden sind. Die aktuelle Installation in London namens „Purple Hibiscus“ ist jedoch mehr wie ein luftiges, grell leuchtendes Gewand für das ansonsten betongraue, brutalistische Gebäude. Sie stammt von dem afrikanischen Konzept- und Objekt-Künstler Ibrahim Mahama aus Ghana.


Die 2.000 Quadratmeter Stoff wurden von Weberinnen und Nähkollektiven in Ghana in Handarbeit produziert. Aufgenäht auf die Stoffhülle sind rund 100 sogenannte „Batakaris“, das sind prächtige Gewänder, die im Norden Ghanas von wohlhabenden, aber auch einfachen Familien zu besonderen Anlässen getragen und über Jahrzehnte sorgfältig aufbewahrt werden. Die abgetragenen Kleidungsstücke, die der Künstler mühsam teils durch Tauschgeschäfte in verschiedenen Orten zusammengetragen hat, erzählen zugleich die Geschichte der Menschen, die sie teils über Generationen getragen haben. Ibrahim Mahama hat ein tiefes Interesse an den Lebenszyklen von Textilien und daran, was man aus den darin eingebetteten historischen Erinnerungen lernen kann.

Das aktuelle Verhüllungsprojekt im Barbican ist nicht das erste des Künstlers. Mahama hat bereits andere Gebäude verhüllt wie das Nationaltheater in Ghanas Hauptstadt Accra, Museen, Wohnhäuser und Ministerien in Accra und Teile der Kwame Nkrumah University of Science and Technology in Kumasi. Dafür nutzte er bisher meist gebrauchte Jutesäcke, die er sammelt und mit seinen Mitarbeitenden zu Juteplastiken vernäht, die am Ende die Form des Gebäudes annehmen. Die Installation im Barbican ist Teil der Ausstellung Unravel: The Power & Politics of Textiles in Art die sich mit Textilien als politisches Ausdrucksmittel beschäftigt und noch bis 26. Mai 2024 im Innern des Barbican Centre zu finden ist. Weitere Hintergründe zur Ausstellung Unravel im Barbican gibt es hier im Exhibition Guide. Die pinke Hülle im Außenbereich soll darüber hinaus bis August 2024 zu sehen sein.

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