Architekturerlebnis: Ein „Theater“ für Tiere mitten in Berlin

Das Tieranatomische Theater der Berliner Humboldt Universität von 1790 fasziniert noch heute durch eine grandiose Architektur.

Wo: Berlin Mitte, Friedrich-Wilhelm-Stadt
Anreise: Tram Invalidenpark oder U-Bahnhof Oranienburger Tor
Architekt:  Carl Gotthard Langhans
Besonderheit: Ältestes noch erhaltenes akademisches Lehrgebäude Berlins.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag 14-18 Uhr (außer feiertags), Eintritt frei

Vor einiger Zeit war ich mal wieder auf dem ausgedehnten Gelände der Charité, eine der größten Universitätskliniken in Europa, in Berlin Mitte unterwegs. Es gibt dort mitten im Zentrum der Hauptstadt eine kleine, abgeschiedene Welt für sich mit Gebäuden aus unterschiedlichsten Epochen in einer parkähnlichen Landschaft. Es fließt mit der Südpanke sogar ein kleiner Bach mitten hindurch, um dessen Ufer sich kleine Backsteingebäude gruppieren. Das Ensemble gaukelt einem vor, dass man sich in irgendeinem beschaulichen Dorf in Brandenburg befindet. Die meisten dieser Gebäude im Schatten des großen Charité-Hochhauses aus DDR-Zeiten gehören heute zur Humboldt-Universität zu Berlin (HU) und beherbergen verschiedene wissenschaftliche Einrichtungen des dortigen Campus.

Auf dem Gelände der Berliner Charité verbirgt sich ein besonderes „Theater“. ©SCRITTI

Wenn man so das Gelände erkundet, steht man unerwartet vor einem niedrigen, klassizistischen Gebäude, das mit Säulen neben den Eingängen und einer Kuppel im Zentrum sehr an einen Tempel erinnert. Auf einem Schild steht deutlich zu lesen „Tieranatomisches Theater“. Ein Theater auf dem Gelände eines Uni-Klinikums? Treten hier etwa Tiere auf? Wenn man durch den offiziellen Eingang hineingeht, landet man an einem Tresen mit Info-Material zum Gebäude und seiner über 200-jährigen Geschichte. Geschwungene Treppen führen nach oben in den ersten Stock, wo sich der Zugang zum eigentlichen „Theater“ befindet.

Große Fenster im Kuppelbau sorgen für viel natürliches Tageslicht im Saal. ©SCRITTI

Unvermittelt steht man unter einer hohen Kuppel in einem runden, lichtdurchfluteten Saal mit steil ansteigenden Logen mit Sitzbänken, von denen man einen guten Blick ins Zentrum des Raumes hat. Die gesamte Ästhetik des Raumes ist beeindruckend und erinnert tatsächlich an ein kleines, klassisches Theater, wie man sie immer noch im Londoner Westend findet.

Um eine runde Hebebühne in der Mitte des Raumes unter der hohen Kuppel gruppiert sich der Hörsaal für die Studierenden. ©SCRITTI

Allerdings fanden in diesem Theater in Berlin Mitte keine Schauspiele statt, sondern es handelt sich tatsächlich um eine Bildungseinrichtung. Ein „Anatomisches Theater“ ist im Prinzip ein Hörsaal mit tribünenartiger Anordnung der Zuschauerplätze um eine Plattform im Zentrum. Diese „Bühne“ kann von einem Raum unterhalb des Theaters über eine Hebebühne nach oben gefahren werden, um den versammelten Studierenden auf spektakuläre Weise Tierkörper unterschiedlicher Größe zu präsentieren. Und diese zu sezieren. Es handelt sich also beim Tieranatomischen Theater der Humboldt Universität nicht um ein Theater, sondern um ein Lehrgebäude, das allerdings in seiner Gestaltung sehr stark klassischen Theatern ähnelt.

Das kommt nicht von ungefähr: Sein Architekt Carl Gotthard Langhans (1732–1808) kombinierte antike Vorbilder des Rundtempels und Amphitheaters und schuf mit dem Bau von 1789-90 in Anlehnung an Palladios Rotonda eine völlig neue Wissensarchitektur. Ästhetik, Symbolik und praktischer Nutzen gingen hierin eine wirkungsvolle Verbindung ein, als am 1. Juli 1790 der Lehrbetrieb begann. Das Tieranatomische Theater ist mit über 230 Jahren Berlins ältestes noch erhaltenes Lehrgebäude und ein Meisterwerk des preußischen Frühklassizismus. Mehr zum geschichtlichen Hintergrund seit 1787 und zur Entwicklung des Gebäudes gibt es hier.

Nach einer umfangreichen Sanierung wird das Tieranatomische Theater seit 2012 durch das Hermann von Helmholtz-Zentrum (HZK)  für Kulturtechnik als Ausstellungsraum und für Veranstaltungen genutzt.

Seit 2013 ist das Tieranatomische Theater Ort für Ausstellungen mit Laborcharakter. Dabei stehen Projekte im Mittelpunkt, die sich an der Schnittstelle von Naturwissenschaft und Gestaltung bewegen und Perspektiven für die Museumsarbeit aufzeigen. So schließt sich der Kreis, und es ist nicht auszuschließen, dass man demnächst im Tieranatomischen Theater tatsächlich auch Theatervorstellungen erleben kann. Vielleicht sogar mit lebenden Tieren.

UPDATE: Inzwischen hat sogar Hollywood das Tieranatomische Theater als coole Film-Kulisse entdeckt. So wurden Teile des Mitte November 2023 anlaufenden Prequels The Ballad of Songbirds & Snakes (hier der offizielle Trailer bei Youtube) aus der Reihe Hunger Games / Tribute von Panem hier gedreht. Außerdem bereits 2005 der Science Fiction Film Aeon Flux. Weitere Infos zu diesen und anderen Film-Locations in Berlin gibt es bei GermanWay.

Kleines Video mit Rundumblick durch das Tieranatomische Theater in Berlin. ©SCRITTI

© SCRITTI 2023, all rights reserved. Weiterverwertung nur nach Absprache mit dem Urheber.

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Autor: scritti

Freier Journalist und Fotograf, Südwestdeutschland Fachmann für Verkehr, Bahn, Bus, Reisen

4 Gedanken zu „Architekturerlebnis: Ein „Theater“ für Tiere mitten in Berlin“

    1. Vielen Dank! Sorry, das habe ich vergessen und jetzt nachgetragen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag von 14 bis 18 Uhr, an Feiertagen geschlossen, Eintritt frei. So wie ich es verstanden habe, finden dort nur noch kulturelle Veranstaltungen statt.

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