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Was: „The Clock“, 24-stündige Videoarbeit von Christian Marclay
Wo: Neue Nationalgalerie Berlin
Wann: 29. November 2025 bis 25. Januar 2026
Die Neue Nationalgalerie am Kulturforum in Berlin präsentiert noch bis 25. Januar 2026 das cineastische Meisterwerk The Clock des Videokünstlers Christian Marclay. Täglich zehn Stunden lang von 10 bis 20 Uhr (außer montags). Für die Präsentation des Werks wurde in dem ikonischen modernistischen Glaspavillon von Architekt Ludwig Mies van der Rohe, der erst im August 2021 nach jahrelanger Restaurierung wiedereröffnet wurde, im Erdgeschoss ein kompletter Kinoraum errichtet. The Clock von Christian Marclay ist eine 24-stündige Videoarbeit, die anhand eines Jahrhunderts Filmgeschichte den realen Zeitverlauf synchron nachzeichnet. Seit ihrer Premiere in London im Jahr 2010 und dem Gewinn des Goldenen Löwen bei der 54. Biennale di Venezia am 4. Juni 2011 hat die Arbeit große Aufmerksamkeit erregt und wurde seither in weltweit bedeutenden Museen gezeigt wie dem Centre Pompidou in Paris, der Tate Modern in London oder dem MoMA in New York. Nun ist The Clock erstmals in Berlin zu sehen und zwar noch bis Ende Januar 2026. Es gibt weltweit nur sechs Kopien des Meisterwerks, und der Künstler hat verfügt, dass der Film nie zeitgleich an mehreren Orten gezeigt werden darf.

Wir haben uns The Clock an zwei aufeinanderfolgenden Tagen zu unterschiedlichen Zeiten angesehen und konnten uns nur schwer der Magie dieses grandiosen Werkes entziehen. Wir haben jeweils eineinhalb bis zwei Stunden The Clock verfolgt, und es wurde uns in keinem Moment langweilig. Im Gegenteil! Das Werk verfügt über alles, was einen guten Film ausmacht: Ironie, Witz, Spannung, eine oft verblüffende Geschichte und eine perfekt begleitende Filmmusik. Der Künstler Christian Marclay hat in The Clock mit einem Team über drei Jahre in akribischer Kleinarbeit tausende – wirklich tausende! – Szenen aus einem Jahrhundert Filmgeschichte aneinander gereiht und ein 24 Stunden dauerndes Epos geschaffen, das durch einen ganz besonderen Effekt zusammengehalten wird.
Manche Szene dauert nur wenige Sekunden, manche etwas länger, manche wird etwas später wieder aufgegriffen. Der Clou: In fast jeder Szene sieht man eine Uhr, die eine bestimmte Uhrzeit zeigt. Oder die Protagonisten im Film sprechen über die aktuelle Uhrzeit: „Es ist 16:15 Uhr, du bist zu spät!“ Die Uhrzeit im Film ist mit der realen Uhrzeit vor Ort synchronisiert und bewegt sich chronologisch von Minute zu Minute über 24 Stunden hinweg, was für die Zuschauer oft verblüffende Effekte generiert. Untermalt ist das Ganze von perfekt arrangierter Filmmusik, die die einzelnen Szenen gekonnt miteinander verbindet. Egal ob im einen Moment Steve McQueen in den 1970er Jahren einen Telefonhörer in die Hand nimmt und im nächsten Moment eine Frau aus einem alten Schwarzweißfilm das Telefonat beantwortet – die Übergänge sind fließend. Und immer wieder hört man auch das Ticken der Uhr und erlebt das Verstreichen der Zeit: Tick, Tack, Tick, Tack…

Die Szenen aus Film und teils auch TV ergeben ein Kaleidoskop der menschlichen Aktivitäten zu bestimmten Tageszeiten über 24 Stunden hinweg. Kinder in der Schule, Menschen beim Einkauf, im Restaurant, in der Stadt, auf dem Land, im Bahnhof auf den Zug laufend, im Auto durch die Stadt fahrend, im Büro, dazu Bankräuber am Nachmittag oder angespannte Entführer eines U-Bahn-Zuges. Viele der Szenen kommen einem vertraut vor, als hätte man sie schon hundertmal gesehen.

Teils ist es auch so, wenn plötzlich James Bond auf die Armbanduhr schaut, Woody Allen ein Apartment betritt, Scully und Mulder über den X-Akten sitzen, oder FBI-Agent Dale Cooper über den Tod von Laura Palmer sinniert. Manche Geschichten, die einem Bezug zur konkreten Zeit haben, laufen auch weiter, und nach wenigen Minuten sieht man erneut eine Szene aus dem gleichen Film. Obwohl es im Sekundentakt Sprünge von Ort zu Ort und durch die Zeit hindurch gibt, entsteht eine unglaubliche Spannung, die das 24-Stunden-Epos keine Minute langweilig werden lässt.

Das Irre an der ganzen Geschichte ist, dass die Videoarbeit mit der realen Zeit synchronisiert ist. Also um 14:45 Uhr im Film passieren lauter Dinge, die zeitgleich auch in der realen Welt stattfinden könnten. Hier ein Beispiel aus dem The Clock Wiki, einer Webseite, auf der Cineasten und Fans genauso akribisch wie der Künstler die unendlichen Details aus The Clock zusammengetragen haben:
2:45 p.m. Goldfinger – Sean Connery covers a peephole hidden in a clock face; Pan’s Labyrinth – Sergi López looks at his pocketwatch; Scorched – Woody Harrelson at a bank; The Taking of Pelham 123 – John Travolta; Safety Last! – Harold Lloyd dangles from the clock
Wir haben selten etwas Faszinierenderes und Spannenderes auf der Leinwand gesehen.
Wir haben beim ersten Besuch gegen 14:20 Uhr den abgedunkelten Raum betreten, uns in einem der bequemen Sofas niedergelassen und ohne Probleme fast eineinhalb Stunden lang Szene für Szene verfolgt. Oft löst die offensichtliche Ironie bei den Zuschauern auch ein Lachen aus oder ein Aha-Erlebnis bei bekannten Filmszenen und berühmten Schauspielern. Für Kinofans gibt es jedenfalls unendlich viele Highlights zu entdecken!

Wenn ich in Berlin leben würde und eine Dauerkarte für die Neue Nationalgalerie hätte, dann würde ich so oft wie möglich zu unterschiedlichen Tageszeiten in die Vorführung gehen, um diesem faszinierenden Kaleidoskop menschlicher Aktivität von Minute zu Minute zu folgen.
„The Clock“ macht auf seltsame Weise süchtig, und die Besucher bleiben oft viel länger, als sie beabsichtigt hatten. Man kann die Zeit nicht aus den Augen verlieren, und doch läuft sie einem irgendwie davon.
Neue Nationalgalerie Berlin
24-Stunden Screenings
Da aktuell immer nur die zehn gleichen Stunden aus dem Werk von 10 bis 20 Uhr gezeigt werden, gibt es in der Neuen Nationalgalerie nochmals ein spezielles 24-Stunden Screening von The Clock, bei dem man auch erleben kann, was die Menschen alles zwischen 20 Uhr und 10 Uhr morgens so machen. Dieses findet statt am Freitag, den 2. Januar 2026 ab 10 Uhr morgens. Man kann auch ein Kissen und eine Decke mitbringen, um halbwegs durch die Nacht zu kommen. Wobei es sicherlich auch spannend ist, was alles über Nacht in The Clock passiert.

Und wenn man schon mal vor Ort ist, sollte man es natürlich auch nicht versäumen, das grandiose Gebäude der Neuen Nationalgalerie von Architekt Ludwig Mies van der Rohe, das 1968 eröffnet und bis 2021 modernisiert wurde, in aller Ruhe zu besichtigen. Auch die ständige Sammlung moderner Kunst im Museum ist sehr zu empfehlen!
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Hallo Michael,
es sieht wohl doch so aus, als ob ich Samstag in der Nationalgalerie vorbei schauen kann. VG Olaf