Wo der Fahrgast die Wahl hat

First Bus in Lacock
First Bus in Lacock
Wenn man in England unterwegs ist, kann man immer wieder über den Öffentlichen Verkehr und den Wettbewerb zwischen den Unternehmen staunen. Im kleinen Ort Lacock etwa, dort fahren zwei Busunternehmen in Konkurrenz jeweils eine eigene Linie in die nächste Stadt Chippenham mit jeweils eigenen Tarifen. Das eine Unternehmen fährt ungefähr stündlich, das andere halbstündlich. Lediglich drei bis vier Verbindungen am Abend sind als tarifliche Kooperation gekennzeichnet, weil diese vom Aufgabenträger bezuschusst werden. Ansonsten fahren wohl beide Unternehmen auf eigenes Risiko. Deshalb bezahlt man auch direkt im Bus und nicht am Automaten.
Lacock Fahrplan Bus
Lacock Fahrplan Bus
Ein solches Angebot könnte man in der Tat als Wettbewerb im Öffentlichen Verkehr bezeichnen! Als Kunde zieht man in der Regel die Wahl zwischen unterschiedlichen Angeboten und günstigen Preisen der deutschen Gleichmacherei via Verkehrsverbund und Einheitstarif vor. In England bezahlt man einfach direkt im Bus je Fahrt. In Deutschland muss es dagegen ein einheitlich gültiges (Papier-)ticket von München-Schwabing bis Flensburg geben, auch wenn man unterwegs sechsmal umsteigen und die Verkehrsunternehmen wechseln muss. Den Preis für dieses Ticket diktiert in Deutschland daher das größte Unternehmen mit der größten Marktmacht. Aber ist der Menschheit wirklich geholfen, wenn etwa die Quittung bei Starbucks auch für das Croissant zum Einheitspreis in einem anderen Coffeeshop gilt und man eine Behörde braucht, die hinterher ausklamüsert, welchen Anteil der Bäcker und welchen der jeweilige Verkäufer am endgültigen Gewinn nach Abzug der Behörden-internen Kosten bekommt?

Autor: scritti

Freier Journalist und Fotograf, Südwestdeutschland Fachmann für Verkehr, Bahn, Bus, Reisen

2 Kommentare zu „Wo der Fahrgast die Wahl hat“

  1. Leider hat Großbritannien im deutschsprachigen Raum keinen guten Ruf, was ÖPNV angeht. Meiner Ansicht nach zu Unrecht – wenn man die Leute fragt, was Grund ihres Unbehagens ist, werden alte Unfallgeschichten aus den späten 1990ern ausgepackt, oder eine allgemeine Abscheu gegenüber der Liberalisierung publiziert.

    Dass man sich seitdem hüben wie drüben erheblich weiterentwickelt hat, ist wohl noch nicht angekommen. Das einheimische ICE-Netz wird ja auch nicht allein an Eschede 1998 gemessen.

    1. In der Tat, wenn man heute noch Großbritannien kommt, kann man sehr schön sehen, wie Wettbewerb mit staatlichen Vorgaben das Bahnsystem verbessern kann. Es gibt landesweit fast überall mindestens einen Stundentakt, die Züge sind pünktlich und meist auch qualitativ in Ordnung. Auch beim Vertrieb gibt es Wettbewerb, und man kann im Vorverkauf wirklich sehr günstig Tickets von A nach B bekommen. Größter Fehler in UK war, dass man die Infrastruktur ebenfalls privatisieren wollte und dadurch auf Verschleiß gefahren ist – den gleichen Fehler hat man auch in Deutschland mit der Bahnreform gemacht. Die Erfahrung in UK mit der Wiederverstaatlichung des Bahnnetzes zeigt, dass die Infrastruktur auf jeden Fall in öffentlicher Hand bleiben und der Staat klare Vorgaben machen muss, welches Angebot er auf der Schiene haben will. Hier hat in den letzten 20 Jahren jede Bundesregierung in Deutschland versagt.

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