Wie die Moderne auf die Modellbahn kam

Von Mitte Februar bis Ende März 2019 gab es eine tolle Ausstellung im Architektur Salon in Hamburg: märklinMODERNE, vom Bau zum Bausatz und zurück, ein Projekt des Online Magazins moderneREGIONAL. Bei dem von der Wüstenrot-Stiftung geförderten Projekt geht es darum, wie die architektonische Moderne in den 60er und 70er Jahren auf Modellbausätze für den Einsatz auf der Modelleisenbahn übertragen wurde und so bundesdeutsche Architekturrealität meist im Maßstab 1:87 in den Hobbykeller brachte. In der Tat erhält man beim Betrachten der typischen Modelle der Firmen Faller oder Kibri aus jener Zeit einen ganz anderen Blick auf die Epoche, die Alltagsarchitektur und die Sehnsüchte der Menschen in deutschen Städten.

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Villa im Tessin von Faller, der Traum vom modernen Wohnen im Grünen ©SCRITTI

Fast jeder Modellbauer hat schon einmal die kleine „Villa im Tessin“ gesehen, die so typisch den modernen Zeitgeist jener Epoche widerspiegelt und in gewisser Weise auch den Traum von einem aufgeräumten, modernen Leben in Wohlstand in idyllischer Umgebung symbolisiert.

Im Ausstellungstext heißt es dazu: Im Hobbykeller zeigten sich die Deutschen erstaunlich modern – auf den Modelleisenbahnanlagen des Wirtschaftswunders war die Architektur nicht bloß Kulisse. Hier standen Neu und Alt, Hochhaus und Fachwerkhaus, friedlich nebeneinander. Die Ausstellung zeigt erstmals, wie architekturbegeistert die vermeintlich spießigen Modelleisenbahner wirklich waren. Eine „Villa im Tessin“ konnte sich nun jeder leisten – für 4,75 D-Mark im Maßstab 1:87. Ihr reales Vorbild, ein Wohnhaus nahe des Gotthardtunnels, hatte die Faller-Brüder 1961 gleich doppelt inspiriert. Sie bauten sich eine ähnliche Villa am Firmensitz in Gütenbach und entwickelten parallel den Spritzgussbausatz. Kuriose Geschichten stecken auch hinter einem gläsernen Turmrestaurant, einer umkämpften Stadtkirche oder einem ostmodernen Hochhaus.

Besonders faszinierend ist das Objekt „Megacity“ von Gerald Fuchs, eine Art große Modellbahnanlage (allerdings nur mit einem schnurgeraden Schienenstrang mit Bahnhof ohne Funktion), in der eine Unmenge der typischen Bausätze moderner Häuser, insbesondere Hochhäuser verarbeitet, vervielfältigt und neu kombiniert wurden, so dass in der Tat eine Art moderne Megacity entstand, die an Filme wie Bladerunner erinnert und doch gar nicht so weit von dem entfernt ist, was man heute in den neuen Megacities in China oder auf der arabischen Halbinsel so vorfindet. Man erkennt gerade an der Überzeichnung im Modell: Im Grunde waren deutsche Städte auf einem guten Weg, um den modernen Lebensstil „der Amis“ zu imitieren. Doch am Ende versagte der Mut zum Neuen, blieben die „Hochhäuser“ doch wieder erstaunlich klein und mussten sich in enge, überschaubare Strukturen einfügen. Und selbst architektonisch herausragende Gebäude wie die lichtdurchfluteten Bahnhofsneubauten der 50er Jahre ertranken schließlich wieder in typisch deutscher Spießigkeit, wurden im Laufe der Jahre mit allerlei Hässlichkeiten zugekleistert und mit Baumarkt-Zeitgeist verunstaltet. Zu viel Moderne war den Menschen offenbar doch nicht zuzumuten…

Sehr anschaulich kann man in der Ausstellung auch die Hintergründe erleben: Wie fand die moderne Architektur ihren Weg in die Welt der Bausätze? Welche konkreten Vorbilder, Architekten und Ideen standen dahinter? Und wie wurden die eigentlich viel zu großen Gebäude in den kleinen Maßstab konvertiert? Dazu gibt es einen Film und einen Katalog, die über die Webseite zur Ausstellung bezogen werden können.

Die Ausstellung kann ausgeliehen und demnächst wohl auch in Göppingen und Wien besichtigt werden.

Autor: scritti

Freier Journalist und Fotograf, Südwestdeutschland Fachmann für Verkehr, Bahn, Bus, Reisen

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